Schule in Bewegung
   

Nachrichten und Presse 

Schule als Ort, an dem man gerne lernt und arbeitet

Nur durch pädagogische Initiative von unten und weniger Regulierung von oben
ist das Bildungssystem in Deutschland zu reformieren

„PISA“ hat Bewegung in das deutsche Schulwesen gebracht. Der Bund der
Freien Waldorfschulen begrüßt das ausdrücklich, weil dadurch der Boden für eine
umfassende Erneuerung des Schulwesens bereitet wird. Es stellt sich die Frage
nach den Zielen, damit die vorhandenen Mittel effizient eingesetzt werden
können.
Alle Schulgesetznovellen der letzten Jahre standen unter dem Diktat knapper
Haushalte. Pädagogisch Notwendiges wurde oftmals als nicht finanzierbar deklariert
und manch eine Sparmaßnahme als pädagogische Erneuerung verbrämt. Die
Förderung pädagogischer Eigeninitiative wurde dadurch weiter ausgebremst.
Die konsolidierte Bilanz der Freien Waldorfschulen zeigt demgegenüber, dass
vorhandene Finanzmittel wesentlich effizienter eingesetzt werden, wenn sie die
einzelnen Schulen selbst verwalten können. Mit den gleichen Mitteln könnte weit
mehr erreicht werden, wenn im Schulwesen das Subsidiaritätsprinzip eingeführt
würde.
Der Armutsbericht der Bundesregierung, die Untersuchungen zur Integration
von Migrantenkindern und die Abhängigkeit der schulischen Laufbahn von der
sozialen Herkunft der Kinder und Jugendlichen zeigen: Wir werden es in naher
Zukunft mit sozialen Konflikten in einer neuen Dimension zu tun bekommen, die
dringend erfordern, die Schulen selbst zu Innovationen zu ermutigen.

Partnerschaft von Schulen in öffentlicher und freier Trägerschaft
Es ist höchste Zeit, diese Entwicklung nachhaltig auf den Weg zu bringen.
Die Erfahrungen der Niederlande und Skandinaviens zeigen, dass die gleichberechtigte
Partnerschaft von Schulen in öffentlicher und freier Trägerschaft zu
einem produktiven Wettbewerb um pädagogische Ideen führt, von dessen Früchten
alle Schulformen profitieren – vor allem aber die Kinder und Jugendlichen.
Dies setzt jedoch voraus, dass die Schulen in Freier Trägerschaft als „Partner
auf Augenhöhe“ anerkannt und gefördert werden.
Die Waldorfschulen lehnen eine Kommerzialisierung des Schulwesens ebenso
ab wie die in Deutschland noch immer geltende Benachteiligung der gemeinnützigen
Schulen in freier Trägerschaft. Sie fordern, dass die Schulgesetze auch einkommensschwachen
Familien die Option eröffnen, ihre Kinder an eine Schule ihrer
Wahl zu schicken. Nur die gleichberechtigte Förderung von gemeinnützigen
Schulen in freier und öffentlicher Trägerschaft kann verhindern, dass sich ein
„Zwei-Klassen-System“ entwickelt.
Schulqualität
Im Zentrum jeder Qualitätsoffensive sollte die Identifikation der Lehrerinnen
und Lehrer sowie der Schülerinnen und Schüler mit „ihrer“ Schule stehen: Die vor
Ort Handelnden müssen sich als Verantwortliche erleben und nicht als bloß Ausführende.
Für eine wirksame Reform des Schulwesens gilt daher:
• Die Überregulierung des deutschen Schulwesens muss konsequent
abgebaut werden.
• Effiziente Neuerungen lassen sich nicht zentral verordnen. Vielmehr
muss die Eigenverantwortung und pädagogische Initiative umfassend
gefördert werden.
• Wir brauchen gesunde Schulen, in denen die Kinder und die Lehrer
gerne lernen und arbeiten!
Bund
der Freien
Waldorfschulen
Schule jenseits von
staatlicher Bevormundung
und kommerzieller Vereinnahmung
Drei Säulen für gute Schulen
Die sukzessive Umsetzung des nachfolgend „Drei Säulen“ genannten Modells
kann die notwendige Erneuerung des deutschen Schulwesens substanziell befördern.
Es trägt den gewachsenen Strukturen der Länder Rechnung und ist daher
als evolutionäres Modell zu verstehen:
1. Säule: Qualitätsentwicklung
Qualität lässt sich nicht „von oben“ verordnen. Sie muss an jeder einzelnen
Schule im Dialog der Verantwortungsträger entwickelt werden.
Ausgangspunkt sind die bisher für die jeweilige Schule geltenden Lehrpläne
und Stundentafeln. Jede Schule trägt selbst die Verantwortung für deren Weiterentwicklung.
Ein System schulübergreifender Qualitätsentwicklung stellt sicher,
dass die Schulen sich inhaltlich und strukturell entwickeln. Es setzt sich seinerseits
aus drei Elementen zusammen:
• Lizenzierung der Schulen auf der Grundlage eines eigenständigen
pädagogischen Konzepts.
• Regelmäßige Evaluation der lizenzierten Schulen nach einem
anerkannten Verfahren eigener Wahl.
• Durchführung von Lizenzierung und Evaluation durch unabhängige,
akkreditierte Einrichtungen (analog zum Hochschulwesen).
2. Säule: Die Finanzierung der Schulen
Die staatliche und kommunale Finanzierung des Schulwesens bleibt unverzichtbar,
um soziale Sonderung zu vermeiden.
Der freie Zugang zu den Schulen in öffentlicher oder freier Trägerschaft wird
durch die Einführung eines Bildungsgutscheinsystems gewährleistet, das sich an
den durchschnittlichen Schülerkosten orientiert. Schulen in sozial benachteiligten
oder strukturschwachen Einzugsgebieten werden über einen Ausgleichsfond zusätzlich
gefördert. Die einzelne Schule verfügt frei über ihre Mittel für Personalund
Sachausgaben.
Durch dieses Konzept wird die Wahlfreiheit der Eltern gestärkt und gleichzeitig
der Wettbewerb der Schulen um Schüler gefördert.
Bund
der Freien
Waldorfschulen
Schule jenseits von
staatlicher Bevormundung
und kommerzieller Vereinnahmung

3. Säule: Der rechtliche Status der Schulen
Alle Schulen, deren Verantwortungsträger (Kollegien, Eltern, Schulträger)
einen entsprechenden Beschluss fassen, können rechtlich selbstständig werden,
sofern die Trägerschaft gemeinwohlorientiert ist (Stiftung, Körperschaft öffentlichen
Rechts, gemeinnütziger Verein, gGmbH u.a.). Damit gehen die Entwicklung
eigener pädagogischer Profile, die Budgethoheit sowie die personellen
Entscheidungen in die Verantwortung der Schulen über.
Fazit:
Die hier kurz skizzierten „Drei Säulen“ gehen von der Voraussetzung aus, dass
das öffentliche Leben in der Verantwortung aller Bürgerinnen und Bürger steht
und nicht das exklusive Hoheitsgebiet staatlicher Institutionen ist.
Die Rechtsaufsicht des Staates verpflichtet ihn, die Schulen aller Trägerschaften
gleichberechtigt an der öffentlichen Aufgabe ›Bildung‹ teilhaben zu lassen
und nicht – wie heute noch üblich – den nicht-staatlichen Schulen finanzielle
Bürden aufzuladen, die ihren Betrieb nur durch unverhältnismäßig große Opfer
der Beteiligten ermöglicht.
Ein solches Umdenken kann einen bedeutenden Qualitätsschub im
deutschen Schulwesen bewirken, weil es die Kooperation der verantwortlich
Handelnden an die Stelle zentralistischer Strukturen setzt.
Bund
der Freien
Waldorfschulen
Schule jenseits von
staatlicher Bevormundung
und kommerzieller Vereinnahmug

Anhang:
Pädagogisch sinnvolle Mindeststandards.
Längst sind die nationalen Bildungsstandards zum heimlichen Lehrplan
geworden. An die Stelle pädagogischer Entwicklungsprozesse ist ein aus der
Warenproduktion auf die Schule übertragener Ökonomiebegriff getreten: Unter
dem Schlagwort „Output-Orientierung“ werden nicht persönlich errungene
Fähigkeiten gefördert, sondern die Anpassung an einen vorgegeben Inhaltskanon.
Die Waldorfschulen fordern daher, dass die zentralen Bildungsstandards neu
gefasst werden: An die Stelle der nivellierenden Regelstandards sollen Kompetenzbeschreibungen
und pädagogisch sinnvolle Mindeststandards treten.
Verbesserte Lehrerbildung
Es bedarf dringend einer Neuausrichtung der Lehrerbildung: Pädagogische
Fähigkeiten müssen erübt werden, was künstlerische, sportliche und praktische
Aktivitäten während des Studiums einschließt. Die Schulen müssen in lernende
Organisationen umgewandelt werden, was nur durch selbstverantwortlich Handelnde
in jeder einzelnen Schule möglich wird. Die Schulgesetzgebung ist heute
noch in weiten Teilen vom Misstrauen in die Selbstorganisation des Bildungswesens
geprägt. Das widerspricht vollständig den Erfahrungen der skandinavischen
Länder und der Niederlande, deren Schulen ein hohes Maß an Autonomie
genießen.
Wir brauchen einen Bildungsbegriff, der die Schule als einen pädagogischen
Ort beschützt, in dem – jenseits vordergründiger und einseitiger Zweckbestimmungen
– die Entwicklung individueller und sozialer Fähigkeiten der Kinder
auf ihrem Weg zu mündigen und verantwortungsbewussten Menschen im
Vordergrund steht!
Wir brauchen gesunde Schulen, in die Schüler und Lehrer wieder gerne
gehen, um zu lernen und zu arbeiten!
Henning Kullak-Ublick
Bund
der Freien
Waldorfschulen
Schule jenseits von
staatlicher Bevormundung
und kommerzieller Vereinnahmung
Quelle: Bund

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25. November 2007
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