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Vom Unterhöhlen der Gesellschaft - Die Waldorfschule Bexbach wurde 30
„Linksrheinisch gibt es zwar Alkohol, aber eine Waldorfschule wird es dort keine geben“, soll vor knapp über drei Jahrzehnten Ernst Weißert, früherer Vorsitzender des Bundes der freien Waldorfschulen, geäußert haben, als ihm die Gründungsidee für eine solche Einrichtung im Saarpfalzkreis zugetragen wurde.
Doch Weißert irrte. Zumindest hatte er nicht – wie auch viele andere – mit der Zielstrebigkeit, dem Ideenreichtum und Durchsetzungsvermögen von Wilfried Günther gerechnet.
Der Homburger Sonderschulpädagoge war zum Anhänger der anthroposophischen Lehre Rudolf Steiners geworden und wie dieser war auch Günther ein Verfechter schulischer Förderung für schwächere Kinder. Mit Leidenschaft verfolgte Günther damals das Ziel einer neuen Schule zum Schutz für „Engel“, die darüber hinaus neue Kulturimpulse setzen sollte. Mit diesem inneren Ziel lag er auf gleicher Wellenlänge wie der Zeitgeist der 70er Jahre, der eine Reform der Pädagogik insgesamt verlangte. Damit war die Saat ausgebracht für die Gründung des Waldorfschulvereines Homburg, als dessen „Hauptfrucht“ die Freie Waldorfschule Saarpfalz in Bexbach anzusehen ist, die in diesen Tagen auf ihr 30jähriges Bestehen zurückblickt. Beim Festakt am Samstag machte Klaus Sander deutlich, dass Steiners Ideen von einer anderen, ganzheitlichen Bildung aktueller denn je seien, wie zuletzt immer wieder die PISA-Studien deutlich machen. Die Idee, einer zwölfjährigen Schule für alle Begabungsstrukturen habe sich bewährt, so Sander. Es sei schwierig gewesen, vor drei Jahrzehnten die politisch Verantwortlichen von der Idee einer privat getragenen Schule zu überzeugen. Erst allmählich sei es gelungen, Vorurteile abzubauen. Dies ist der Schule zum einen über den außerordentlichen Einsatz der Eltern gelungen, andererseits aber auch durch die hervorragenden Abschlussleistungen der Schüler, mit denen sich gut werben lässt. Schließlich hat sich die Waldorfschule aber auch den Zeittrends angepasst und ihre Dynamik und Flexibilität damit unter Beweis gestellt.
„Wir beschreiten schon seit langem den Weg der Öffnung in eine globalisierte Welt“, machte Sander deutlich, dass Waldorfschulen keinesfalls von der Außenwelt abgeschottete Einrichtungen sind. Im Gegenteil. So ist die Waldorfschule Bexbach seit diesem Jahr anerkannte UNESCO-Projektschule, mit einem neuen Unterstufen-Modell versucht die Schule den modernen Anforderungen gerecht zu werden, man versucht über die Arbeit an entsprechenden Prüfungsvorschriften „Fachabi“-tauglich zu werden und sucht den Anschluss an europäische Abitur-Modelle, wie sie beispielsweise in skandinavischen Ländern Gültigkeit haben. Vieles ist also zu leisten, vieles wurde aber auch geleistet. Für Stefan Leber, den heutigen Vorsitzenden des Bundes freier Waldorfschulen ist die Einrichtung in Bexbach eine ungeheuer mächtige Schule geworden, die Kraft genug hat, ihre Schüler an das Leben heranzuführen. „Eine Schule lebt aus den Kräften des Ortes, an den sie hingestellt wurde und aus dem herrschenden Geist der Zeit“, sagte Leber. Eine solche Schule werde sich weiter entwickeln, wenn sie daraus schöpft, was die Menschen am entsprechenden Ort brauchen. Leber wies darauf hin, dass seit Gründung der ersten Waldorfschule 1919 in Stuttgart inzwischen bundesweit weitere 191 gefolgt sind, und dass alleine im kommenden Jahr neun weitere Initiativen jeweils ein Schulprojekt umsetzen wollten. „Es gibt also eine enorme Bewegung, diese Schulen auszudehnen“, meinte Leber und scherzte im Hinblick darauf, dass viele ehemalige Waldorfschüler anspruchsvolle Tätigkeiten ausüben: „Waldorf unterhöhlt die Gesellschaft“. Verwundert waren die Verantwortlichen der Waldorfschule, dass kein Vertreter des Bildungsministeriums anwesend war. Dafür ließen es sich Vertreter der kommunalen Politik nicht nehmen, am Festakt teilzunehmen. Allen voran Bürgermeister Hein Müller, der äußerte: „Ich bin jedenfalls stolz darauf, Bürgermeister jener Stadt zu sein, die die erste Waldorfschule links des Rheins hat.“
Diese Schule wird auch künftig darum bemüht sein, das Prinzip sozialer Gerechtigkeit im Bildungswesen zu verwirklichen. Unabhängig von sozialer Herkunft, Begabung und späterem Beruf sollen jungen Menschen eine gemeinsame Bildung erhalten.
Weitere Gäste des Festaktes waren Ortsvorsteher Alfons Roth, von der katholischen Pfarrgemeinde Kaplan Andreas Aschenberger, Kreistagsmitglied und SPD-Orstvorsitzender Dr. Theophil Gallo, Vertreter von Bexbacher und Homburger Schulen, Vertreter von befreundeten Waldorfschulen aus dem Saarland und der Pfalz.
Eingebettet war der Festakt in die öffentliche Monatsfeier: So brachten die Klassen 2 bis 10 Lieder, Gedichte, eine Eurythmie-Aufführung und das Puppenspiel „Hans im Glück“ unter der bewährten Leitung der jeweiligen Klassenlehrer und Klassenlehrerinnen, begleitet am Klavier bzw. Flügel von Musiklehrer Michael Bernhardt, zum Vortrag. Die einzelnen Darbietungen wurden vom zahlreichen Publikum mit großem Beifall bedacht.
An den offiziellen Teilen des Festaktes schloss sich ein City-Lauf durch Bexbach an, mit großer Beteiligung der Schüler, Eltern und Lehrer.
Wolfgang Kappler
Quelle: Höcherberg Nachrichten
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