Nachrichten und Presse
Mitten aus dem Leben gerissen
Schülerinnen und Schüler der Klasse zwölf der Freien Waldorfschule Saarpfalz faszinierten mit "Der Club der toten Dichter"
Starkes Stück "Der Club der toten Dichter", der seit dem gleichnamigen, 1985 erstmals ausgestrahlten Film Kult ist, wurde jetzt von Schülern der Freien Waldorfschule Saarpfalz aufgeführt. In mehreren Aufführungen gab es reichlich Applaus für die Zwölftklässler, hier im Foto (von links) Nathalie Ruf, Dorothee Buck und Hanna Wegener. foto: schule
Bexbach (id). Wie ein Strudel habe Frau Berner ihre Schülerinnen und Schüler mitgerissen, lautete eine der abschließenden fadenscheinigen Begründungen für den Rausschmiss der Deutschlehrerin des Johannis-Internats, einem Schweizer Elite-Internat in Seelisberg in der Nähe von Luzern. Wie ein Strudel hat die junge, unkonventionelle, progressive Lehrerin ihre Schülerinnen und Schüler mit dem Lebensmotto "carpe diem" ("nutze den Tag") so begeistert und jeden einzelnen von ihnen in seiner Persönlichkeit so bestärkt, dass sie im Ende alle mutig und couragiert zu ihr standen - und das im wahrsten Sinne. "Ich zog in die Wälder ... Intensiv wollte ich leben ... Ich wollte das Mark des Lebens aufsaugen ..." Mit diesen Worten, mit "ihrem Gedicht" verabschiedeten sich die Schüler, auf ihren Pulten stehend von ihrer Lebens-Lehrerin. Nur eine erlebte diesen bewegenden Augenblick nicht mehr mit: Sandra Lüdinghof. Weil ihre Eltern es ihr untersagten, ihren Lebenstraum, Schauspielerin zu werden, zu leben, brachte sie sich wenige Tage zuvor mit einer Hand voll Tabletten um. Wie ein Strudel mitgerissen hat nicht nur Frau Berner (Tina Maue in der Samstags-Aufführung/ Natalie Ruf in der Freitags-Aufführung) ihre Schülerinnen und Schüler. Wie ein Strudel mitgerissen haben auch die Schülerinnen und Schüler der Klasse zwölf der Freien Waldorfschule Saarpfalz ihr Publikum mit ihren Aufführungen von "Der Club der toten Dichter".
Das Stück ist schon Kult
Nach ihrer Generalprobe Mitte vergangener Woche, führten die jungen Leute das Theaterstück von Martin Maier-Bode nach Motiven aus dem Spielfilm "Dead Poets Society" von Peter Weir zunächst am Donnerstag vor Schülern und Lehrern ihrer Schule und am Freitag vor Schülern und Lehrern anderer Schulen auf, bevor sie am Freitagabend die Öffentlichkeit zu ihrer Premiere luden.
Am darauf folgenden Samstag wurde "Der Club der toten Dichter", der seit dem gleichnamigen, 1985 erstmals ausgestrahlten Film Kult ist, noch einmal aufgeführt. Mit über 400 Besuchern war auch diese Vorstellung außergewöhnlich gut besucht. Spielte der Film mit Robin Williams in der Hauptrolle des Englischlehrers John Keating im Jahre 1958 an einer Jungen-Eliteschule in Vermont (USA), transportierte Maier-Bode das Stück in die Jetzt-Zeit und dementsprechend an ein Jungen- und Mädcheninternat. Wie im Film beruft sich allerdings auch die Schweizer Lehranstalt auf die vier Werte-Säulen Tradition, Disziplin, Leistung, Ehre. Die Eltern der Schüler sind davon begeistert. Schüler wie Sandra Lüdinghof (Judith Kleinmann/Dorothee Buck) zerbrechen daran. "Sandra! Jetzt aber los! Wie lange willst Du uns noch warten lassen? Wir wollen nicht, dass du dein Leben verpfuschst. Dein Vater und ich haben beschlossen, dich auf eine andere Schule zu schicken. Nächsten Monat gehst Du nach Bayern. Dort wird man optimal auf das Medizinstudium vorbereitet. Auf dem Johannis bist Du abgemeldet."
Tradition, Disziplin, Leistung, Ehre
Mit diesen Worten riss Frau Lüdinghof (Anna Kissel/Anne-Kathrin Kauf) ihre Tochter nach dem glänzenden Theater-Auftritt in der Hauptrolle des Puck zuerst aus ihrem größten Glücksmoment und später aus dem Leben. Alexander von Wissing (Andreas Grub/Michael Siryj), der während des gesamten Stückes auch als Sprecher fungiert, weiß noch nichts davon, als er auf dem Gerüst, das die Höhle, den heimlichen Treffpunkt des Clubs der toten Dichter darstellt, wegen des Bühnenerfolgs die Korken knallen lässt. "Sandra war umwerfend! Sie wird noch eine große Schauspielerin!" Wie ein Strudel haben sie sie mitgerissen. Sie, die Eltern von Sandra, die ihr Leben planten, anstatt sie es selbst in die Hand nehmen und leben zu lassen. Sie, die Lehrer der Schule, denen Tradition, Disziplin, Leistung und Ehre wichtiger als die jungen Menschen, deren Wünsche, Bedürfnisse und Fähigkeiten sind. Sie haben Sandra mit- und damit aus dem Leben gerissen.
Ein herausragendes Stück in einer herausragenden Aufführung.
Quelle: Saarbrücker Zeitung
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