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Nachrichten und Presse
Der Lord pflanzt einen Kürbis in St. Moritz
Stararchitekt Norman Fosters Wohnhaus zählt zum Coolsten, was die Architektur momentan zu bieten hat
«Branding» oder «Promi»-Architektur?
VON KLAUS LEUSCHEL
Ei des Kolumbus oder Raumschiff Enterprise? Die Frage kann nicht eindeutig beantwortet werden - in jedem Fall sieht es ungewöhnlich aus, dieses Wohnhaus am Hang oberhalb von St. Moritz. Zehn Appartements können nach Fertigstellung - voraussichtlich im März 2003 - im kugelförmigen Ding von ihren betuchten Eigentümern bezogen werden. Zwei Namen wurden bereits bei der Vorstellung des Projekts bekannt: der des Devisenhändlers und Bauherrn Urs Schwarzenbach und der seines Freundes, des englischen Stararchitekten Norman Foster.
Der ist seit über 25 Jahren ein Global Player in der Champions-League der Architektur. Gebaut hat er viel: vor allem in seiner Heimat (Stanstead Airport), in Berlin (Reichstag) und Hongkong (Hauptsitz der HSBC; Hong Kong and Shanghai Banking Corporation). In zwei Jahren will er der Swiss Re neue Headquarters in London übergeben sowie in Zürich das Grand Hotel Dolder für Urs Schwarzenbach renoviert haben.
Wie die Kunst ist auch die Architektur ein Vorreiter der Globalisierung. Wohl nicht zuletzt, weil weltweiter Erfolg und Ruhm auch auf das Vaterland abfärben, wurde der Architekt 1990 von der englischen Königin zunächst zum Ritter geschlagen und 1999 geadelt. Seither, darauf legt er gesteigerten Wert, will der Gentleman, als der er wegen einer beispielhaften Integrität in der Fachwelt gilt, auch als Lord angesprochen werden. Im Engadin ist der passionierte Pilot seit Jahrzehnten ein ebenso gern gesehener wie häufiger Gast, und das nur wenige Kilometer entfernt von seinem zukünftigen Feriendomizil. Der Kronenhof in Pontresina hat es ihm offenbar angetan; wohl wegen seines - wenn auch etwas verblichenen - Charmes klassischer Grand Hotels in den Bergen.
Vor diesem Hintergrund erklärt sich die Bekanntschaft zwischen dem in London lebenden Schweizer und dem englischen Engadin-Urlauber eigentlich fast von selbst. Wie das Wirtschaftsblatt «Bilanz» zu berichten weiss, ist Lord Foster sogar ein «langjähriger Freund» des steinreichen Bonvivants aus Küsnacht (ZH), der angeblich aus Prinzip keine Interviews gibt. Wie eng die Freundschaft ist, wäre aber auch daran ablesbar, dass der Architekt regelmässig in Schwarzenbachs Jet in Samedan einschwebt.
Vorweggenommene Zukunft oder nur ein Mini-Trend?
Spätestens seit Millionen Menschen vor Bauten Frank Gehrys Bauklötze staunen, erlebt skulpturale Architektur ein Revival. Der Architekturkritiker Charles Jencks klassiert die Entwerfer biomorpher Formen gar respektlos als «Blobmeister» (Klacksmeister). Dabei beziehen sie sich auf die grosse Tradition organischer Bauten. Der kürzlich renovierte Einstein-Turm Erich Mendelsohns aus dem Potsdam der Zwischenkriegsära zählt zu den seltenen, gut erhaltenen Meisterwerken, oder das «Book of Shrine» des Österreichers Frederick Kiessler in Jerusalem. Vorweggenommene Zukunft oder nur Mini-Trend? Sicher ist, dass Blobs zum Hipsten und Megacoolsten zählt, was die Architektur momentan zu bieten hat!
Das Besondere der biomorphen «Chesa Futura» von Norman Foster sind zwei verstärkte Betonkerne, die axial die Basen eines ovalen Stahltellers bilden, der wiederum wie auf Reptilienbeinen gegen den Untergrund abgestützt ist. Darüber liegen drei Geschosse. «Wäre das Haus direkt an den Hang gebaut worden, hätte das die Konsequenz für die ersten zwei Etagen, gar keinen Ausblick über die bestehende Bausubstanz hinaus zu bieten», begründet der Lord seinen gestelzten «Bubble».
Um die beiden Betonkerne winden sich zwei Treppenhäuser. Im Fundament sind zwei unterirdische Etagen mit Garagen und Lagerräume untergebracht. Die Aufteilung aller Wohnungen lässt sich, wie kaum anders zu erwarten, den individuellen Wünschen der jeweiligen Eigentümer anpassen. Mit einem Kupferdach greift der Pritzker-Preisträger (1999) zudem auf lokale Handwerkstraditionen zurück. Und die Aussenhaut wird über acht konkav gewölbte Stützen mit Holzschindeln geformt, die aus 80 örtlich gefällten Bäumen zugeschnitten werden. Auch mit dieser Verkleidung bezieht sich der Engländer auf eine bündnerische Bautradition, deren Lebensdauer heute bei etwa 80 Jahren liegt.
Für das strukturelle Engineering zeichnet das angesehene Ingenieurbüro von Ove Arup verantwortlich, das vom Sydney Opera House bis zum Centre Georges Pompidou in Paris immer dann hinzugezogen wird, wenn besonders elaboriertes Knowhow gefordert ist.
Dabei entspricht das Gebäude technisch ohnehin jenem Hightech, mit dem Foster berühmt geworden ist. Alles in den Appartments - von der Beleuchtung bis zur Ventilation - wird zentral reguliert. Die Schlaf- und Versorgungsbereiche mit kleinen Fenstern sind zur ruhigeren Hangseite ausgerichtet, während die raumhohen Fenster sich südwärts auf Balkone öffnen, die allesamt zum See hin orientiert sind - für St. Moritz (fast) eine Selbstverständlichkeit!
Oder wie sich ihre Lordschaft ausdrückt: «Schon zur Optimierung der Aussicht erschien es sinnvoll, das Gebäude durch acht Pilotis vom Boden abzuheben.» Pilotis? Der Begriff erweist Le Corbusier Referenz, für den diese Stützen zur Conditio sine qua non moderner Architektur zählten. Zudem ermöglichten sie, «der Gefahr des faulenden Holzes, wie sie, klimatisch bedingt, mit der Feuchtigkeit während der kalten Jahreszeit verbunden ist» (Foster), entgegenzuwirken.
Ein lokaler Architekt findet das Gebäude «katastrophal»
Ob die Idee zu dem Appartmenthaus in London oder bei einem Essen im ebenfalls zum Schwarzenbachschen Besitz gehörenden Hotel Suvretta-House entstand, ist unerheblich. Erheblicher schon ist jenes Aufsehen, welches das ungewöhnliche Projekt bereits im Vorfeld erregte. So ereiferten sich im Engadin böse Zungen ob der Rekordzeit, in welcher Urs Schwarzenbach eine Baubewilligung erhielt. Ganz offensichtlich «not amused» verstieg sich der ortsansässige Architekt Werner Wichser sogar öffentlich dazu, das Gebäude als «katastrophal» zu tadeln.
Die Abwehr alles Fremden hat im bevorzugten (Winter-)Ferienort des Jetset Tradition. Bereits vor 100 Jahren erzürnte sich die Gemeinde ob eines geplanten Flachdachs. Mit der Berufung auf den Heimatschutz konnte das damals gerade noch verhindert werden. Stattdessen krönt nun ein historisierendes Gründerzeit-Türmchen das seinerzeit strittige Projekt Badrutt''s Palace.
Damals wurde in St. Moritz eine skurile Tradition begründet. Und seither wird auch kaum eine Gelegenheit ausgelassen, um den Bau hässlicher Feriendomizile durch noch hässlichere zu übertreffen. So besehen wäre die Tradition im schlimmsten aller Fälle gewahrt. Nun lässt sich bekanntlich über Geschmack nicht streiten! Festhalten liesse sich allenfalls, wie ein Kollege des Lords gern bei Präsentationen seiner Projekte anmerkt: «I guess, this is not what Prince Charles would like!»
«Branding» oder «Promi»-Architektur?
Den Anfang machte Basel und das zu Zeiten, als Roger Diener (Diener + Diener) die Selbstbescheidung der Architektur einforderte. Die gilt - Ironie der Geschichte - als Grundstein der Basler Erfolgsstory. Mit Bauten von Tadao Ando (Vitra), Mario Botta (UBS; heute BIZ), Frank Gehry (Vitra), Nicolas Grimshaw (Vitra), Zaha Hadid (Vitra), Herzog + de Meuron (diverse), Richard Meier (ehemals Schlotterbeck), Renzo Piano (Fondation Beyeler) und Alvaro Siza (Vitra) ging anschliessend ein Feuerwerk international renommierter Stararchitekten über jener Region auf, in der mit Bauten von Rudolf Steiner (Dornach) und Le Corbusier (Mulhouse, Ronchamp) auch die wohl prestigeträchtigsten Pole der Zwanzigerjahre weit und breit stehen. Basel hat heute, neben Rotterdam, den Ruf einer europäischen «Hauptstadt der Architektur».
Das Basler Beispiel hat nun schweizweit Schule gemacht. Alles rangelt um die Architekturprominenz: von A (wie Aarau: Kunsthaus; Herzog + de Meuron) bis Z (Zuoz: Erweiterung Schlosshotel Castell; Ben van Berkel). In Basel haben Gigon/Guyer vor Herzog + de Meuron den Wettbewerb um die Erweiterung des Kunstmuseums gewonnen. In der Region Bern planen Renzo Piano (Klee-Museum) als auch Daniel Libeskind (Shoppingcenter). Und nach Lausanne (Flon) hat jetzt auch in Genf eine private Bauherrschaft die Klasse des in New York lebenden Schweizers Bernard Tschumi entdeckt (Vacheron- Constantin). Aber auch in Zürich bewegt sich einiges: Max Dudler baut für die IBM, Nicolas Grimshaw am Flughafen Kloten (Fingerdock), Lord Norman Foster plant neben der Chesa Futura in St. Moritz auch für das Dolder Grand Hotel, und Stadtpräsident Elmar Ledergerber will bekanntlich die Hoffnung noch nicht gänzlich begraben, mit Rem Koolhaas (Sammlung Flick) doch noch zu einem Bauwerk jenes Megastars der Gegenwartsarchitektur zu kommen, von dem immerhin ein Frühwerk bereits auf der Furka (Furkablick) steht.
Quelle: sonntagszeitung.ch
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