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Der Mann fürs Grobe

Je böser, desto besser: der Schauspieler Christian Redl über seine Rollenvorlieben, "Tattoo" und "Der Totmacher".

Hamburg - Künstlerisch wie persönlich hat Christian Redl ein glückliches Gleichgewicht erreicht: Nach zwanzig Jahren Ensemblearbeit - an Bühnen in Bochum, Bremen, Frankfurt und am Deutschen Schauspielhaus - teilt sich der Charakterschauspieler mit dem zwielichten Brutalo-Image nach Gusto seine Aufgaben zwischen Theater und Film. Mit seinem Namen kann er sich nun den Luxus gönnen, unter den Angeboten auszuwählen. Nur das zu spielen, was ihm gefällt. In Hamburg ist Redl zurzeit auf Bühne und Leinwand zu erleben: In den Kammerspielen spielt er wieder "Hackebeilchen-Mörder" Harmann in "Der Totmacher" (vom 9. April an) und im Kino (vom 4. April an) bundesweit den gnadenlosen, aber hochsensiblen Hauptkommissar Minks in Robert Schwentkes Thriller "Tattoo".



ABENDBLATT: Killer in TV-Filmen wie "Der Hammermörder" haben Sie berühmt gemacht. Sind Sie bei Ihren Rollenangeboten auf harte Kerle oder coole Kommissare festgelegt?



REDL: Ich bin nun mal mit der Physiognomie gesegnet und werde deshalb gerne so besetzt. Die gucken erst mal die Fresse an und denken: Der Redl ist 'ne sichere Nummer. Aber ich steuere dagegen an. Bin auch viel sensibler, als ich aussehe. Was nur Theaterbesucher wissen.



ABENDBLATT: Sie haben schließlich Brecht und Shakespeare rauf und runter gespielt und können auch sehr komisch sein - wie in Yasmina Rezas "Kunst".



REDL: Im Film "Das Trio" war ich auch das Gegenteil von einem Killer. Komik traut man mir nicht zu. Aber ich habe ja noch Zeit. Mir ist es lieber, im Alter noch zu wachsen als zu verwelken. Vielleicht habe ich das Eigentliche - im Leben wie in der Darstellerkunst - noch vor mir.



ABENDBLATT: Beschäftigt Sie das Alter?



REDL: Drei meiner wichtigen Wegbegleiter und Freunde habe ich verloren: Die Schauspieler Ulrich Wildgruber, Peter Roggisch und Matthias Fuchs. Auch meine Mutter, die in Kassel lebte, ist gestorben.



ABENDBLATT: Sind Sie dort aufgewachsen?



REDL: Schulzeit und Pubertät habe ich in Kassel erlebt. Ich habe dort gerade für Matti Geschonnecks TV-Film "Späte Rache" mit Barbara Rudnik und Otto Sander gedreht. Die Überraschung: Wir drei kommen alle aus dieser unmöglichen Stadt. Auf Schritt und Tritt bin ich meinen Erinnerungen begegnet - nicht nur guten.



ABENDBLATT: Zoff in der Schule?



REDL: Ich konnte sie sehen: Direkt gegenüber hatten wir den Set. Als ich auf eine Waldorfschule wechselte, habe ich mich besser gefühlt. Mit 18 konnte ich dort den "Hamlet" in eigener Bearbeitung auf der Schulbühne spielen.

ABENDBLATT: Das Schlüsselerlebnis für die Künstlerlaufbahn?



REDL: Auf einmal hörten mir 300 Leute ruhig zu. In diesem Moment hatte ich ein Gefühl von Identität und wusste plötzlich: Das ist meine Möglichkeit, auch etwas zu sein.



ABENDBLATT: Gehören Sie zu den Schauspielern, die lieber den Mephisto als den Faust spielen wollen?



REDL: Mich faszinieren die dunklen Seiten unserer Existenz. Deshalb bin ich in diesem Beruf. Ich liebe die zerrissenen Figuren.



ABENDBLATT: Haben Sie sich deshalb für "Tattoo" entschieden?



REDL: Das Schöne an diesem Film ist: Das Interesse am Fall nimmt ab, und wichtiger wird, was der Fall mit den Figuren macht. Der Junge - gespielt vom tollen Kollegen Alexander Diehl - wird so wie ich. Und Minks, den das Leben ja richtig gebeutelt hat, wird zunehmend depressiv. Ein rabenschwarzes Stück Kino, erzählt wie ein böser, düsterer Traum. Für einen deutschen Film und das Debütwerk des Regisseurs Robert Schwentke finde ich das Ergebnis erstaunlich.



ABENDBLATT: Die Theater-Jungregisseure begeistern Sie weniger?



REDL: Ob Sie zukunftsweisendes Theater machen, ist für mich die Frage. Es mag stockkonventionell klingen: Aber das Stück als Partitur zu spielen kann spannend sein. Ihm erst gerecht zu werden, wäre meine Prämisse. Dann sehe ich, was ich daraus machen kann. Aber diese Regisseure wollen hysterisch auf sich aufmerksam machen. Ihre Eigenart und der Marktwert in der Branche sind ihnen wichtiger. Das ist ein Spekulieren auf der Kante, das sich morgen schon wieder in nichts auflösen kann.



ABENDBLATT: Sie haben mit den Großen Ihres Fachs, mit Peter Zadek, Dieter Giesing und Wilfried Minks gearbeitet. Was ist jetzt anders?



REDL: Ihnen bedeuten Schauspieler sehr viel mehr. Heute werden wir so nicht mehr gefordert und gefördert. Die Stücke dienen der neuen Regie-Generation als Steinbruch. Was sie wollen, nehmen sie raus, den Rest schmeißen sie weg. Sie kneifen davor, sich mit dem Stoff zu beschäftigen. Übrig bleiben die Erbärmlichkeiten der eigenen Fantasie und dem Stoff gegenüber. Die Schauspieler sind bei solchen Regisseuren zu Erfüllungsgehilfen degradiert. "Die Räuber" auf dem Mars möchte ich mir schenken.







Interview: KLAUS WITZELING
Quelle: Hamburger Abendblatt

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